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AI
Industrie 4.0

KI in der industriellen Automatisierung: Ausgewogenheit ist der Schlüssel.

Veröffentlicht am 21. Mai 2026 in AI

Kaum eine technologische Entwicklung der jüngsten Vergangenheit hat so viele Diskussionen ausgelöst wie künstliche Intelligenz. Die einen sind sich sicher, dass sie die industrielle Fertigung fast über Nacht verändern werde. Andere wiederum tun sie als überbewertet und hinter den Erwartungen zurückbleibend ab. Keine dieser Sichtweisen ist besonders hilfreich, denn beide können dazu führen, dass Unternehmen falsche Entscheidungen treffen.


Die Hersteller, die echten Nutzen aus KI ziehen wollen, sollten deshalb mit einer auf den ersten Blick einfachen Frage beginnen: Was genau erwarten wir von dieser Technologie, wie soll sie uns konkret unterstützen?

Erst die Menschen, dann die Technologie

Bei OMRON lautet unser Leitprinzip von jeher, dass Technologie den Menschen dienen, das Leben verbessern und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten soll. Das ist nicht nur unsere Firmenphilosophie. Diese Haltung hat direkte praktische Auswirkungen darauf, wie KI in der Fertigung eingesetzt werden sollte. Moderne Produktionsabläufe werden von qualifizierten Menschen geprägt: Bediener, Ingenieure und Manager, die über jahrelanges Prozesswissen verfügen, das kein Datensatz vollständig erfassen kann. Die Rolle der KI besteht nicht darin, dieses Wissen zu ersetzen. Sie soll es effektiver machen.
 
Stellen Sie sich eine komplexe Produktionslinie vor, in der Dutzende oder manchmal Hunderte von Variablen ineinandergreifen: Temperatur, Druck, Maschinenzustand, Versorgungsbedingungen, Qualitätsindikatoren. Ein menschlicher Bediener kann nicht alle Bereiche gleichzeitig überwachen. Genau bei dieser Art der kontinuierlichen, multivariablen Überwachung glänzt KI. Sie wird nicht müde oder abgelenkt und kann Muster in Daten aufdecken, für deren Identifizierung ein Mensch Stunden oder Tage benötigen würde. Die Erkennung einer Anomalie durch KI ist dabei nur der erste Schritt. Um die richtigen Konsequenzen abzuleiten und geeignete Maßnahmen einzuleiten, bleibt klares menschliches Denken unverzichtbar.

Das richtige Maß an Autonomie finden

Eine der Fragen, die uns am häufigsten gestellt wird, ist, wo KI zuerst eingesetzt werden sollte. Unsere Antwort ist meist dieselbe: Beginnen Sie dort, wo der Nutzen am deutlichsten ist und wo die Grenzen gut verstanden werden.
 
Vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) ist ein gutes Beispiel. KI kann Sensordaten analysieren, um Veränderungen im Maschinenverhalten zu erkennen und ein Signal geben, bevor es zu einem Ausfall kommt. Bei eng gefassten, wiederholbaren und risikoarmen Maßnahmen arbeiten KI-Systeme bereits autonom und tun dies effektiv. Doch routinemäßige automatisierte Reaktionen unterscheiden sich grundlegend von kontextbezogenen Entscheidungen mit höherem Risiko, die geschäftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Dabei geht es um Verantwortung, regulatorische Anforderungen und die Bewertung komplexer Situationen, die nur vor dem Hintergrund des jeweiligen Gesamtkontexts möglich ist.
 
Unser Ansatz, der durch die Arbeit in unseren eigenen Produktionsstätten und mit Herstellern in ganz Europa entwickelt wurde, folgt einem klaren Ablauf: KI analysiert und erkennt zunächst, gibt Empfehlungen ab und verdient sich erst dann das Recht, autonom zu handeln. Und zwar nur in Bereichen, in denen die Bediener echtes Vertrauen in sie aufgebaut haben. Dieses Vertrauen in KI entsteht nicht einmalig, sondern muss mit jeder Weiterentwicklung eines Modells neu verdient werden. Dieser Gedanke findet sich auch im europäischen AI Act wieder, der für KI-Systeme in industriellen Anwendungen risikobasierte Anforderungen definiert und bei höherem Risiko eine wirksame menschliche Aufsicht vorsieht. Damit greift die Regulierung eine zentrale Frage auf, die sich Unternehmen schon heute stellen müssen: Wo endet die Automatisierung und wo beginnt die Verantwortung des Menschen?

Fallstricke vermeiden

Die Gefahr, die Möglichkeiten von KI zu überschätzen, ist gut dokumentiert. Viele KI-Projekte scheitern aus bekannten Gründen: Die Datenbasis ist unzureichend, die organisatorischen Voraussetzungen fehlen oder das zugrunde liegende Problem wurde nicht klar genug definiert. In der Praxis beobachten wir jedoch noch einen weiteren Stolperstein: KI wird häufig als isolierte Einzellösung betrachtet. Unternehmen lösen mit ihr zwar ein konkretes Problem erfolgreich, entwickeln die Anwendung jedoch so spezifisch, dass sie sich nicht auf andere Bereiche übertragen lässt. Die Folge: Jede weitere Implementierung erfordert erheblichen Aufwand, und die Skalierung wird unnötig komplex und kostspielig. Erfolgreiche Unternehmen denken deshalb von Anfang an größer. Sie fragen nicht nur, wie sich ein aktuelles Problem lösen lässt, sondern wie eine Lösung gestaltet werden muss, damit sie sich über verschiedene Produktlinien, Werke und Anwendungsbereiche hinweg nutzen und skalieren lässt.

Doch auch Unterschätzung birgt Risiken. Wer KI als Technologie für Großunternehmen mit spezialisierten Expertenteams einstuft, könnte von Wettbewerbern überholt werden, die pragmatisch und schrittweise bereits konkrete Geschäftsvorteile realisieren. KI-Tools werden immer zugänglicher. Die Eintrittsbarriere ist niedriger als noch vor drei Jahren. Für europäische Hersteller, die bereits unter dem Druck von Energiekosten, Fachkräftemangel und globalem Wettbewerb stehen, steigen die Kosten der Untätigkeit. Der Schlüssel liegt darin, einen klaren Kurs zwischen diesen beiden Extremen zu finden: mit einem genauen Verständnis des zu lösenden Problems, einer belastbaren Datenbasis, den richtigen Beteiligten und realistischen Erwartungen an das Ergebnis. Erfolgreiche Unternehmen starten fokussiert, schaffen zunächst nachweisbaren Mehrwert und skalieren anschließend auf einer soliden Grundlage: nicht aus Aktionismus, sondern aus Überzeugung.

Positive Aussichten

Der demografische Wandel hinterlässt bereits heute spürbare Lücken in den industriellen Belegschaften Europas. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Produktivität, Nachhaltigkeit und operative Exzellenz. KI bietet die Chance, diese Entwicklung aktiv zu gestalten: Sie unterstützt Menschen bei komplexen Entscheidungen, erhöht die Effizienz von Prozessen und hilft Unternehmen, mit knapper werdenden Ressourcen mehr zu erreichen. Eine Studie aus dem Jahr 2025, für die 216 Führungskräfte aus der Fertigungsindustrie befragt wurden, zeigt die hohe Erwartungshaltung an KI: Drei Viertel der Teilnehmenden gehen davon aus, dass künstliche Intelligenz bereits bis 2026 zu den drei wichtigsten Einflussfaktoren für die operative Marge zählen wird. Gleichzeitig offenbart die Untersuchung eine deutliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Derzeit gelten lediglich 21 Prozent der Unternehmen als vollständig auf den Einsatz von KI vorbereitet.
 
Diese Lücke sollte weniger als Warnsignal denn als Aufforderung zu einem strukturierten Vorgehen verstanden werden. Erfolgreiche Hersteller betrachten KI nicht als Selbstzweck, sondern als praktisches Werkzeug zur Lösung konkreter Herausforderungen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie dieses Werkezeug helfen kann, Mitarbeitende effektiver zu machen und wie sich die Technologie so einsetzen lässt, dass sie Kompetenzen stärkt, statt neue Abhängigkeiten zu schaffen. Genau diese Perspektive ist entscheidend, unabhängig von Unternehmensgröße oder Branche.
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